Einem Freund gewidmet Von Rauf Mamedov


Folgendes hat sich ereignet:
Vor vielen Jahren arbeitete ich auf 'Station Eins' einer psychiatrischen Anstalt. Station Eins, hier waren die hoffnungslosesten, die aggressivsten Patienten untergebracht, Patienten, um die sich keiner mehr kümmerte.

Man könnte sagen, er tauchte auf wie ein lautloser Schatten. Er setzte sich neben mich, und erst da erkannte ich, daß er aus dem abseits gelegenen Saal kam, in dem sich keiner der Pfleger in letzter Zeit hatte sehen lassen. Wie viele Patienten sich dort aufhielten, was sie taten, wie sie sich ernährten, das wußten wir nicht so genau. Jeder hatte sich schon an die kaninchengroßen Ratten gewöhnt, die ab und zu aus diesem abgelegenen Saal rannten. Er setzte sich also neben mich auf das schmale, hölzerne, an der Mauer befestigte Bänkchen und sagte: 'Es ist nicht richtig, daß du diesem Küken die Hand reichst. Er ist ein Päderast, und er schreibt Gedichte.'
Ich verstand nicht sofort, wovon er sprach. Er verschluckte sich an seinen Worten; sein bleiches Gesicht verkrampfte sich.
Nach dieser Äußerung lächelte er breit, wobei die wenigen Zähne zum Vorschein kamen, die er noch hatte. Sie waren strahlend weiß und kräftig. Wie alt er war? Dreißig Jahre? Vierzig vielleicht? Keiner wußte es. 'Ich bin schon lange hinter dir her,' sagte er und packte mich dabei am Ellbogen. 'Wir müssen fort von hier. Du und ich.'
'Ja, in der Tat, das müssen wir,' antwortete ich. Der Schlüsselbund hing halb aus meiner Kitteltasche.
'Gut... aber sollten wir uns nicht zuerst umziehen? Setz' dich hierher. Ich suche dir etwas Passendes.'
Er trug eine verschlissene Anstaltshose, die er irgendwie um seinen Körper drapiert hatte. 'Besser nicht,' protestierte er. 'Dann sieht doch jeder, daß wir abhauen wollen?' 'Heute ist das sowieso unmöglich. Draußen ist es dunkel; es hat geschneit. Sie sind uns im Nu auf den Fersen.' Das war das Einzige, was mir einfiel. Und meine Argumente schienen ihn zu überzeugen. Er war natürlich unglücklich darüber, wurde nachdenklich, und dann verschwand er so lautlos wie er gekommen war. Ich hatte den Vorfall schon fast vergessen, als eines Tages ein Kollege an mir vorbeirannte, lauthals nach Bettüchern verlangte und in Richtung eines Saales lief, in dem es Unruhe zu geben schien. Wir hatten in der Anstalt nicht genügend Zwangsjacken für alle, so daß wir jeden, der sich auffällig verhielt, mit Bettüchern an seinem eisernen Bettgestell festbanden.
 
Ein Tag verging. Ich war erneut zum Nachtdienst in dieser Abteilung eingeteilt, da tauchte er wieder auf.
'Es hat nicht geschneit. Jetzt können wir abhauen. Der Schnee ist verschwunden, nirgendwo mehr Schnee. Die Finsternis hat das Licht verdrängt.' 'Natürlich,' sagte ich, 'du hast Recht; oder hat sich das Weiß im Licht breitgemacht? Aber... der Chefarzt hat heute seinen Geburtstag,' brachte ich endlich heraus. 'Wir können jetzt nicht verschwinden. Heute Abend gibt es ein Fest, der Bürgermeister kommt zu Besuch. Wann hast du eigentlich Geburtstag?'
Er senkte den Kopf und nickte schwach. Er ließ sich durch meine idiotische Frage natürlich nicht beirren. Einen Augenblick später zeigte er wieder sein breites, gütiges Lächeln. 'Du hast Recht,' sagte er resigniert, 'warten wir eine andere Nacht ab.'
Ich begriff, daß mit mir ein Spiel gespielt wurde. Auf dem Weg zu meinem nächsten Nachtdienst entwickelte ich die 'Theorie der zwölf Bedingungen'. Sie resultierten in der Schlußfolgerung, daß unsere Flucht nur gelingen könnte, wenn alle zwölf in dieser Theorie genannten Bedingungen erfüllt würden.
 
Die Bedingungen waren folgende:
- Man braucht einen stockbesoffenen Krankenpfleger mit nur einem Bein, dem es nachts einfällt, die halbe Abteilung mit dem schweren Stiefel seiner Prothese zu malträtieren;
- einen Arzt im Nachtdienst, der kein eigenes Haus besitzt, und sich nach seiner nächtlichen Runde in die Frauenabteilung begibt, um sich dort nach Befriedigung seiner Lust schlafen zu legen;
- einen Vollidioten und einen Denunzianten in unserer Abteilung, die unsere schizophrenen Patienten sexuell mißbrauchen;
- es ist gerade kein kommunistischer oder sonstiger Feiertag, was für die Pfleger nur zusätzliche Arbeit bedeutet;
- eine Nacht, in der der Chefarzt seinen riesigen Hund frei auf dem Anstaltsgelände herumlaufen läßt, der sich dort wie ein Wilder gebärdet, bis ihm die alte Küchenhilfe einen Eimer mit Essensresten vor die Tür stellt.
 
Ich erinnere mich, daß ich mir noch weiteren romantischen Unsinn ausmalte, wie z.B.:
- nächtlicher Regen, in dem sich alles von selbst auflöst;
- eine Neumondnacht, in der die Sterne günstig stehen, wo der Wassermann z.B. den Planeten Mars gerade mit Haut und Haar verschlungen hat.

Das geschieht, wenn die bessere Hälfte der Abteilung wegen irgendeines Vergehens mit paralysiertem Willen schlafwandelnd in allen vier Ecken des Saales zusammensackt. 20 Millimeter eines trüben Öls namens Sulfasin unter den Schulterblättern wirken Wunder.
Die 'Theorie der zwölf Bedingungen' garantierte so ein endloses, unveränderliches Fortbestehen des 'status quo ante'.
Wir wurden Freunde. Ich leitete mehrere von meinem Freund verfaßte Bittschriften an Personen außerhalb der Anstalt weiter, d.h. an niemanden und überbrachte ihm verschlüsselte Briefe. Und jedes Mal, wenn er mich ansah und fragte: 'Wann werden wir....?', nannte ich eine der zwölf Bedingungen, die inzwischen ein fester Bestandteil unserer gemeinsamen 'Theorie' geworden waren.
So verging der Sommer und es wurde Herbst. Aber es ist natürlich absurd, innerhalb der Mauern einer psychiatrischen Anstalt von Jahreszeiten zu reden. Der Zeitbegriff, wie wir ihn kennen, existiert dort nicht. Eines Tages, als ich noch naß vom Regen meine Pflegerjacke anzog, betrat mein Freund unsere Abteilung. Es war offensichtlich aufgewühlt, zog mich an die Wand. Ich fühlte, daß etwas Unangenehmes passiert sein mußte.
'Es reicht. Die zwö1f Bedingungen sind alle erfüllt. Ich bin bereit und wir...'
Er packte mich am Ärmel.
'Warte mal, sicher...' Aber er konnte nicht aufhören, er redete und redete, und es war klar, 'die Theorie der zwölf Bedingungen' war dahin.
Endlich hörte er auf. Er ließ meinen Ärmel los. Er wartete. Er fixierte mich, und es sah sogar so aus, als blinzelte er mir zu. Er wartete. Er wiegte seinen Körper hin und her, trippelte barfuß von einem Fuß auf den anderen.
Seine Haltung wirkte wie die verzweifelte Hilflosigkeit eines Kindes.
Was sollte ich tun? Was? Er wartete. Aus einem Loch in der Tasche meiner Pflegerjacke schaute einer meiner Schlüssel heraus.
Natürlich ließ ich ihn nirgendwo hingehen. Am nächsten Morgen aber, nachdem ich lange auf den zu spät zum Dienst erschienenen Arzt gewartet hatte, bat ich um meine Entlassung.

Viele Jahre sind seither vergangen. Ich weiß nicht, ob mein Freund noch am Leben ist. Aber das ist nicht wichtig. Heute schenke ich ihm endlich die Freiheit.
Die Freiheit, sich ins Nirgendwo zurückzuziehen, in eine Leere, die ich vor Jahren so sehr gefürchtet hatte.

Moskau, den 26. Januar 1998

Terug
 


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